Jacob Unico Willem van Wassenaer (1692 - 1766)
6 Concerti Armonica: Concerto Nr. 4 G-Dur Wassenaer
Wie so oft in der Musikgeschichte gibt sie uns Rätsel auf. Die verschiedensten Gründe – beispielsweise erhofften sich unbekannte Komponisten eine höhere Aufmerksamkeit für ihre Werke – ließen die Komponisten ihre Werke unter falschen Namen oder gänzlich anonym erscheinen. Auch bei den sechs Concerti Armonica tappten die Musikwissenschaftler lange im Ungewissen. Neuere Editionen basierten auf Handschriften des 19. Jahrhunderts, die in der Kongress-Bibliothek in Washington aufbewahrt werden. Das Manuskript nennt als Komponisten Pergolesi, doch die Komposition dieser Concerti unterscheidet sich in ihrer Anlage sehr von seinen anderen Werken, was gewisse Zweifel an der Urheberschaft aufkommen lies. Nach dem letzten Krieg fand sich ein alter Stich, der um 1740 in Den Haag durch den italienischen Tonkünstler Carlo Ricciotti herausgegeben wurde. Doch ein Widmungsblatt an den Grafen Bentinck beschreibt: „Ich beschränke mich daher darauf, ergeben zu bitten, diese Arbeit umso lieber anzunehmen, als sie von einer erlauchten Hand stammt[…]“ lässt auch an der Urheberschaft Ricciottis zweifeln. Noch 1951 steht im Vorwort der Partitur: „Trotz eifrigster Bemühungen ist es dem Herausgeber des vorliegenden Concertinos nicht gelungen, zu ermitteln, wer der Urheber ist, Ricciotti, Pergolesi oder ein dritter Unbekannter. Solange das Original-Manuskript nicht gefunden ist, wird über der Urheberschaft ein geheimnisvolles Dunkel schweben.“ Dieses Geheimnis lüftete sich, als 1980 das Originalmanuskript gefunden wurde und den holländische Graf Jacob Unico Willem van Wassenaer als Urheber dieser Concerti identifizierte. Überraschend ist allerdings, dass ein quasi Amateur nur ein einziges Mal eine so gute Serie an Stücken geschrieben hatte. Die sechs Konzerte zeugen von echter Originalität und zählen zum Stammrepertoire der Streichorchester. Die Struktur der Konzerte entspricht dem Muster der Kirchensonate (langsam-schnell-langsam-schnell) und möglicherweise waren sie für einen Gottesdienst bestimmt. Die großartige Melodik lässt in Anklängen das Zeitalter der „Empfindsamkeit“ vorausahnen.